Pressespiegel

Marmecke: Ein Dorf feiert die silberne Nacht von Whistler und Kerstin Szymkowiak

21.02.10

Marmecke, ein Dorf im Olympia-Rausch. Während Kerstin Szymkowiak (früher Jürgens) nach dem Gewinn der Silbermedaille bei den Winterspielen in Kanada bei der Blumenzeremonie jubelte, wurde auf der anderen Seite des Erdballs zu ihren Ehren ein Freudenfeuerwerk abgebrannt. Im „Kumm rin“, der Kneipe des 375-Seelen-Dorfes in der Gemeinde Kirchhundem, kannte die Freude über den Erfolg der berühmtesten Tochter des Dorfes keine Grenzen.

Hier die Chronologie der silbernen Nacht:

19.00 Uhr: Das „Kumm rin“ öffnet seine Pforten. Die kleine Dorfkneipe, in der Kerstin am Ende einer Saison ihre Erfolge mit den Fans feiert, hat sich für die große Nacht herausgeputzt. Deutschlandfahnen und Girlanden hängen überall. Die Türen sind geziert von Aufklebern des „Ice-Tigers“, Kerstins Wappentier, welches auf ihrem Schlitten und Helm prangt. Im Thekenraum wurde ein Fernseher installiert und da, wo sonst die Marmecker Bogenschützen die Pfeile fliegen lassen, steht nun ein Beamer zum „Public Viewing“ bereit.

21.00 Uhr:
Die Kneipe füllt sich, die Fans stimmen sich ein und vertreiben die Aufregung durch das Verfolgen der anderen olympischen Wettbewerbe. Wie bei Spielen der Fußball-Nationalmannschaft tragen viele Mützen, Fahnen oder Hawaii-Kränze in Schwarz-Rot-Gold.

23.00 Uhr: Es wird eng im „Kumm rin“. Die Familie Jürgens, die im Dorf ein Sägewerk betreibt und deswegen nicht nach Kanada flog, ist eingetroffen und ein Fernsehteam beginnt damit, den Abend zu dokumentieren. Kerstins Cousine trägt eines ihrer Weltcup-Leibchen.

00.02 Uhr: Günter Jürgens schmeißt eine dreiviertel Stunde vor Beginn des Wettkampfs eine Runde. Das Spezialgetränk heißt, wie sollte es anders sein, „Eistiger“. Den Drink hatte Szymkowiak mit einem Barkeeper in Innsbruck-Igls gemixt, als sie dort vor einem Monat mit ihrem Fanclub den Gewinn der kleinen Kristallkugel feierte, die es für den dritten Rang im Gesamtweltcup gab.

 

00.34 Uhr: Im Fernsehen beginnt die Berichterstattung über das Rennen. Lauter Jubel brandet auf, als Kerstin erstmals an diesem Abend auf der Leinwand erscheint. Hinten stehen sie, vorn sitzen sie auf dem Boden. Ärgerlich: Das Fernsehteam, das die Eltern filmt, nimmt vielen die Sicht.

00.48 Uhr: Marmecke hält den Atem an, Kerstin steht am Start. Lange Gesichter nach dem Lauf, sie verliert drei Zehntel auf die Führende Britin Amy Williams, obwohl keine echten Fehler sichtbar waren. Schwimmt die erhoffte Medaille davon?

00.56 Uhr: Die Mienen hellen sich auf. Es wird deutlich: Kerstin ist nicht schlecht gefahren, sondern Williams hatte einen fantastischen Lauf (Bahnrekord). Kerstin ist weiter Dritte, nur eine Hundertstel hinter Silber. Im weiteren Verlauf staunen selbst eingefleischte Fans über die Geschwindigkeit der Skeletonis, bei der die Kamera kaum mitkommt. Immer wieder lautes Aufstöhnen, wenn eine Fahrerin mit Wucht vor eine Bande knallt.

02.05 Uhr:
Die Neuseeländerin Tionette Stoddard eröffnet den finalen Durchgang, die Spannung steigt.

02.20 Uhr: Daumendrücken für Marion Trott. Kerstins Teamkollegin ist auch beim Marmecker Fanclub sehr beliebt.

02.30 Uhr: Kerstin steht am Start und steht unter Druck, die Konkurrenz hat gute Zeiten vorgelegt. Die unerträgliche Nervosität im Raum findet in lauten Anfeuerungsrufen und „Rängersten“ (Ratschen) ein Ventil. Im Gebrüll geht unter, dass der Fernsehkommentator über die Stimmung palavert, die nun wohl im „Kumm rin“ herrschen muss. Lauter Jubel bei den Zwischenzeiten. Kerstin liegt jedes Mal vorn.

02.31 Uhr:
Ein Jubelsturm fegt durch Marmecke: Kerstin ist vorn und hat eine Medaille sicher. Die erste überhaupt für die Skeletonis in Deutschland, die erste für den Kreis Olpe bei Olympischen Winterspielen.

02.33 Uhr:
Die kanadische Favoritin Melissa Hollingsworth patzt und drückt damit für den Jubel im „Kumm rin“ die Wiederholungstaste. Jetzt ist sogar Silber sicher. Vor der letzten Starterin fordert der Saal eine Zugabe.

02.34: Es bleibt Silber. Dass es nicht zu Gold reicht, stört hier niemanden. Der Jubel hält an: „Oh, wie ist das schön“. Applaus auch für Bronzemedaillengewinnerin Anja Huber, die vor vier Jahren noch ein Feindbild im Dorf war, weil sie Kerstin nach einer heftig umstrittenen Entscheidung den Startplatz für die Spiele in Turin wegschnappte. Mittlerweile legen die früheren Konkurrentinnen ihre Erkenntnisse für den gemeinsamen Erfolg zusammen.

02.39: „Onkel“ Jochen Mettbach entpackt ein Drei-Meter-Banner: „Danke Kerstin“. Es wird wohl im Dorf aufgehängt. Mutter Marita erklärt: „Fantastisch. Ich bin so was von stolz, das kann man gar nicht beschreiben. Man muss es sich erstmal durch den Kopf gehen lassen. Dass das alles so geklappt hat… Wahnsinn, absoluter Wahnsinn.“

02.40 Uhr: Im Gästebuch der Internetseite des „Ice-Tigers“ trudeln die ersten Glückwünsche ein.

02.58 Uhr: Auf der Straße, die längst selber als Eiskanal taugen würde, werden Raketen in den Himmel geschossen. Drinnen flimmert über den Bildschirm die Blumenzeremonie mit einer überglücklichen Kerstin Szymkowiak. Marmecke tanzt und singt: „Wir feiern die ganze Nacht“.

Erschienen: Expressi, Florian Runte

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