22.02.10
Whistler. Als die deutschen Glückspilze freudentrunken den schönsten Abend ihres Lebens schilderten, drückte sich die gestrauchelte kanadische Favoritin Mellisa Hollingsworth mit tränenüberströmtem Gesicht an ihnen vorbei. „Ich bin so superhappy, dass ich eine Medaille gewonnen habe“, sagte Anja Huber.
Die 26-Jährige konnte immer noch nicht richtig fassen, dass sie, nur auf Platz fünf vor dem letzten von vier Läufen liegend, Bronze geholt hatte. Aber weil sie nach einem eigenen starken Finale gebannt verfolgen konnte, wie Mellisa Hollingsworth von Rang zwei auf fünf zurückfiel und auch die US-Amerikanerin Noelle Pikus-Pace patzte, war die Europameisterin unerwartet doch noch Olympia-Dritte geworden. „Ist das geil, ich liebe sie diese Bahn“, juchzte Anja Huber.
Auf dieser Bahn, die einem georgischen Rodler eine Woche zuvor das Leben gekostet hatte und auf der am Morgen beim Bobtraining 14 Unfälle – geschehen waren, fühlte sich die Oberbayerin richtig wohl.
Geteilte Freude war doppelte Freude am Freitagabend, als in Deutschland schon der Samstag begonnen hatte: Vereint sausten die deutschen Skeleton-Pilotinnen Kerstin Szymkowiak und Anja Huber kopfüber ins Glück. Auf das Siegerpodest sprangen sie Seite an Seite, die Vize-Weltmeisterin aus dem Hochsauerland und die Europameisterin aus Berchtesgaden. Nicht immer waren die beiden deutschen Skeleton-Frauen so harmonisch verbunden gewesen.
Im Whistler Sliding Centre aber sorgten sie zunächst gemeinsam für die ersten Olympia-Medaillen des deutschen Skeleton-Sports, dann kosteten sie diesen Triumph zusammen aus. Die 32-jährige Kerstin Szymkowiak gewann Silber, auch sie profitierte als Dritte nach dem dritten Lauf von der Schlingerfahrt der Mellisa Hollingsworth und wurde nur geschlagen von der starken Olympiasiegerin Amy Williams aus Großbritannien. Weltmeisterin Marion Trott aus Oberhof kam auf Rang acht.
„Es ist ein Wahnsinn. Ich habe mich noch einmal aufgebäumt gegen mein fortschreitendes Alter und die fortschreitende Langsamkeit“, sagte Kerstin Szymkowiak., die prompt ihre Karriere als Skeleton-Fahrerin beendete.
Früher saß sie unter ihrem Mädchen-Namen Jürgens im Zweierbob von Sandra Kiriasis, die allerdings ohne sie 2006 in Turin die Goldmedaille gewann. Nach der Heirat mit dem schweizerischen Physiotherapeuten Philip Szymkowiak, der das Bob-Team der Eidgenossen betreute, lebt sie in der Schweiz.
Die Allroundsportlerin, die auch schon erfolgreich Wurfdisziplinen der Leichtathletik betrieb und in Mainz Sport studierte, stammt aus Kirchhundem-Marmecke. Dort fand in der Gaststätte „Kumm rin“ (Komm rein) Samstagnacht kurz nach Mitternacht ein „Public Viewing“ für Freunde, Familie und Fans statt. Die Westfälin hat einen Teil der Kosten ihres Olympia-Aufenthalts durch den Verkauf von 100 Tassen zu je 35 Euro, die sie und ihren Schlitten „Ice Tiger“ zeigen, aufgetrieben. „Ich muss ja relativ viel selbst finanzieren. Ich bin der deutschen Sporthilfe dankbar, die mir sehr unter die Arme gegriffen hat die letzten zwei Jahre. Ansonsten hätte ich wahrscheinlich aufgehört“, sagte sie. Während andere Olympia-Medaillengewinnern Millionen scheffeln, gehören die Skeletonis noch zu den echten Amateuren.
Nachdem Kerstin Szymkowiak den Olympia-Start 2002 im Bob wegen einer Verletzung verpasst hatte, wechselte sie durch Zufall die Sportart. „Das war nicht geplant, ich wurde einfach überredet, doch mal eine Fahrt zu machen”, erklärte sie. „Aber diese erste Fahrt reichte, um mich zu überzeugen, dass es keinen Sport auf der Welt gibt, der faszinierender ist.” Mit dem Kopf nach unten raste sie fortan als „Bauchrodlerin“ den Eiskanal herab. In ihrer ersten Saison 2002/2003 wird sie gleich WM-Zehnte und startet im Weltcup. Für die Spiele in Turin wurde sie 2006 nicht nominiert, es flossen Tränen, es gab reichlich Ärger im Verband. „Das ist eine schöne Belohnung für die ganzen Mühen“, freute sie nach ihrer Silber-Fahrt.
Auch Anja Huber, die Weltmeisterin von 2008, fand erst 2003 zum Skeleton. Die Sportmanagement-Studentin war eine früher eine Rodlerin mit guten Perspektiven. Sie nahm 2006 in Turin an Olympia teil, wo sie Achte wurde. Im Vorfeld der Winterspiele in Italien war es zu schweren Unstimmigkeiten im Verband gekommen, weil zunächst nicht sie, sondern Kerstin Jürgens nominiert werden sollte. Doch der Entscheid wurde revidiert.
Die Differenzen hatten die beiden Bauchrodlerinnen schon lange beigelegt. In Whistler sorgten sie mit ihrem Erfolg für ein Erlebnis, das sie ewig verbindet.
Erschienen: derwesten.de, Gregor Derichs