Skeletonfahrerin Kerstin Jürgens

Kurz vor Weihnachten, im Jahr 1977, entschied ich mich dazu, auf die Welt zu kommen. Meine Mama hatte die zu diesem Anlass üblichen Schmerzen, mein Dad krümmte sich wegen einer gefährlichen Blinddarminfektion. Wie toll, muss ja ein unheimlich fröhliches Ereignis gewesen sein! Aber kaum auf der Welt durfte ich schon mein erstes Weihnachtsfest Zuhause verbringen. Und ein Geschenk habe ich auch bekommen: eine braun-weiße Schäfchendecke.

Drei Winter später stand ich das erste Mal auf Skiern. Marmecke hat einen eigenen Skilift und das wurde ausgenutzt. Mit vier Jahren lernte ich Rückenschwimmen, erst danach folgten Brust- und Kraulschwimmen. Mein Dad war Leichtathletiktrainer des TV Kirchhundem und so war es ganz selbstverständlich, dass ich auch mit zum Training ging. Mit fünfeinhalb Jahren machte ich meinen ersten Wettkampf: den 80g Ball warf ich 8,90m weit und für die 50m Strecke brauchte ich über 12sec. Im Weitsprung durfte ich noch nicht antreten, der Balken war zu weit vom Sandkasten weg.

In meinem letzten Kindergarten-Jahr habe ich mich ständig gelangweilt . Ich kannte, da ich schon mit drei in den Kindergarten kam, alle Spiele auswendig und die Puppenecke war ja was für die Kleineren. So kam es, dass ich des öfteren mal mit meinen Großeltern einen Ausflug in die Eifel machte, Holz angucken. Im Wald durfte ich dann die Schranken aufschließen und das war noch wesentlich interessanter als im Kindergarten zu sitzen. Mit sechs ging es dann endlich in die Schule. Ab der zweiten Klasse hatte ich einen Klassenlehrer, der Rennmäuse züchtete. Während der Schulzeit standen sie bei uns im Klassenzimmer. In den Ferien durfte ich sie ein paar Mal mit nach Hause nehmen. Sie mussten allerdings oben im ausgebauten Balken im Käfig bleiben, da meine Mama keine Mäusefreundin ist.

Mit zehn ging es für mich in die weite Welt hinaus. Auf den Klosterberg, in das Gymnasium Maria Königin. Direkt an meinem ersten Schultag geriet ich mit einer zwei Klassen höheren Schülerin aneinander. Ich wollte ihr nicht einfach meinen Sitzplatz überlassen im Bus (damals gab es noch feste Sitzplatzordnungen, die Älteren durften hinten im Bus sitzen und als Jüngere musste man Platz machen). Insgesamt gesehen hatte ich eine angenehme Schulzeit, ich war immer auf der Seite der Jungen und deshalb wurde mir auch nie das Schulmäppchen geklaut. Zudem brachte mir mein sportlicher Ehrgeiz viele Punkte bei den Bundesjugendspielen ein und machte mich zum Kapitän der Schul-Handballmannschaft. Und nicht zu vergessen bekam ich samstags ab und zu ein paar Stunden schulfrei weil ich auf Leichtathletik-Wettkämpfe fuhr. Mit sechzehn hatte ich meine ersten und bisher einzigen Krankenhausaufenthalte. Nacheinander wurden mir beide Innenmenisken entnommen. Damit hatte ich meine Mehrkampfambitionen auch zur Seite gelegt und mich nur noch auf den Wurf spezialisiert. Ich träumte natürlich von Olympia und 1996 wurde der Traum wahr. Zumindest als Zuschauerin. Ich nahm am Jugendlager der Olympischen Spiele in Atlanta teil und erlebte Olympia live (und sah Carl Lewis sein Olympia-Gold im Weitsprung gewinnen).

Nach dem bestandenen Abitur ging es für mich ein Jahr nach Südfrankreich. Marseille. Als Au-pair. Zehn Monate lang durfte ich mich bei den Cazeneuve-Boyadjis wohlfühlen und mich um Mark, Eléna und Marianne kümmern. Sportlich fand ich auch hier eine Herausforderung, denn ich trainierte bei Olympique de Marseille. Und sah im Laufe der Zeit ziemlich viele französische Stadien, nahm sogar an mehreren Französischen Meisterschaften teil.

Danach verschlug es mich zum Sportstudium nach Paderborn. Hier hatte ich eine wunderschöne Studienzeit, ich war so richtig Studentin mit WG-Partys, Mensaessen und nächtlichem Lernen für Klausuren. Sportlich fasste ich Fuß beim LC Paderborn und wurde direkt auch Trainerin der SchülerInnen. Der Verein war wie eine zweite Familie, ich wohnte quasi schon im Sportpark und wurde auch für zwei Jahre Sportliche Leiterin.

Irgendwann bekam ich dann Kontakt zum Bobsport und schon war ich Wintersportlerin. Schnell war ich auf den ersten Metern und so trafen im zweiten Winter Sandra und ich zusammen und hatten eine erfolgreiche und spaßige Saison. Auf unseren ersten Weltmeisterschaften wurden wir Sechste, Olympia schien in greifbarer Nähe. Doch übermotiviert ignorierte ich im Sommer alle körperlichen Verletzungsanzeichen und musste kurz vor dem Winter eine Zwangspause einsetzten, da ich mich vor Schmerzen nicht mehr bewegen konnte.

Da sich Leistungssport und Studium in Paderborn nicht mehr vereinbaren ließen, wechselte ich nach Mainz. Ein Glücksfall, denn dort trainierte und trainiere ich noch immer bei dem Trainer, der mich zur schnellsten Starterin im Skeleton machte. Der Wechsel vom Bob zum Skeleton war nicht geplant, ich wurde einfach überredet doch mal eine Fahrt zu machen. Diese erste Fahrt reichte um mich zu überzeugen, dass es keinen Sport auf der Welt gibt, der faszinierender ist. So wurde aus mir innerhalb eines Jahres eine Skeletonfahrerin und ich konnte fast übergangslos an meine Erfolge aus dem Bobsport anknüpfen. Anfang des Sommers aber darf ich immer noch meine alte Leidenschaft, den leichtathletischen Wurf ausüben. Mit dem USC Mainz konnte ich schon drei Deutsche Meistertitel sammeln und auch beim Mannschafts-Europacup Punkte im Wurf für uns holen. Um noch ein wenig an meine alten Trainertätigkeiten anknüpfen zu können, gehe ich im Sommer zweimal die Woche in einen benachbarten Kindergarten und bringe den Kids die Freude an der Bewegung bei. Das typische Studentenleben kenne ich nicht mehr. Ich studiere nur noch im Sommer, der Winter gehört dem Skeleton-Sport.

Wie das so ist als ambitionierte und nicht ganz so unerfolgreiche Sportlerin packte auch ich dann das Projekt Olympia an. Einen Sommer lang lebte ich für den Sport. Trainingslager, Lehrgänge, noch ein Trainingslager. Alles war auf die Spiele in Turin ausgerichtet. Ich galt als Medaillenkandidatin. Kam aber erst gar nicht hin. Es kam anders wie geplant, die Arbeit zahlte sich nicht aus. Die Spiele fanden schon wieder ohne mich statt und anschließend kam ich aufgrund zweier Leistenbruch-Operationen noch zu meiner bisher längsten Trainingspause. Vier Monate durfte ich mich nur als normaler Fußgänger ausgeben. Eine verdammt lange Zeit. Aber auch die habe ich irgendwie überstanden. Das Training hat wieder die Oberhand gewonnen, denn es geht schließlich weiter.

Trotz der langen Trainingspause war ich bereits zu Beginn der nächsten Saison wieder ganz gut drauf. Bis die Weltcups begannen zumindest. Ich fuhr wieder von einem Hoch zum nächsten Tief, kam dort aber wieder raus und schlug nach dem grössten Tief (WM-Debakel in St.Moritz mit Platz 16) ordentlich zu und fuhr mit dem Weltcupsieg in Cesana und erneutem Bahnrekord zu meiner persönlichen Olympia-Revanche wie dieses Portal berichtet. Ende der Saison ging ich allerdings baden – im Königssee. Eine Wette mit dem Fanclub brachte mich zu dem nass-kalten Vergnügen. Leider schob ich beim letzten Weltcup der Saison meinen Schlitten aus der Spur und brachte mich selbst so um jegliche Chancen, diesen irgendwie zu gewinnen. Also ging ich, von reichlich Kamera-Teams begleitet, in den Königssee.

Im folgenden Sommer lernte ich meinen zukünftigen Mann kennen. Dieser, als Masseur der schweizerischen Bobnationalmannschaft unterstützt mich in meinem Sport und ich ging motiviert in den nächsten Winter. Dieser lief nicht schlecht und das Private kam auch nicht zu kurz, denn nach dem Weltcup in Lake Placid fuhren wir kurzerhand nach New York, um dort die Weihnachtsstimmung zu suchen udn meinen 30.Geburtstag auf dem Empire State Building zu feiern. Das grösste Gefühlskarussel meiner Karriere erwartete mich dann auf der Heim-WM in Altenberg. Klar war mein Ziel: eine Medaille und die auch noch mit der goldenen Farbe. Das Training bis dahin lief gut, mit Adrenalin im Blut ging ich im ersten Lauf an den Start, mit vor Entsetzen geweitetetn Augen kam ich im Ziel an. Irgendwas war da vollkomemn aus der Spur geraten im ersten Lauf. Es ging so weiter, ich weinte eigentlich nur noch nach jedem Lauf vor Enttäuschung. Aussichtslos auf Platz fünf liegend bestritt ich, mehr widerwillig als lustvoll, den letzten Lauf. Und dann wartete ich in der Winner-Box…und blieb tatsächlich noch eine weitere Fahrerin drin stehen. Vierter Platz. Ich packte schon langsam meine Sachen, als sich das Unglaubliche ereignete. Die bisher drittplatzierte versemmelte ihren Lauf total und verlor über eine Sekunde auf mich. Mit Laufbestzeit im vierten Lauf holte ich noch Bronze! Ich schrie und heulte und schrie vor Glück! Eine Medaille…wie man sich nur freuen kann. Ich feierte, als hätte ich Gold geholt. Meine Erkenntnis aus dieser Saison: Das Rennen ist erst vorbei, wenn alle im Ziel sind!

Zur “Belohnung” stand im Frühjahr 2008 die Hochzeit im sauerländischem Kirchhundem an. Bisher kannte ich die Endorphin-Ausschüttung nur vom Sport – bei der eigenen Hochzeit habe ich sie auch erlebt. Nun heisse ich also Szymkowiak mit Nachnamen. Nach vielen Autobahnkilometern fast jedes zweite Wochenende zog ich im August in dei Schweiz. Keine Fahrerei mehr, aber auch kein Wohnsitz in Deutschland mehr. Komisches Gefühl, nun mit Ausländer-Ausweis unterwegs zu sein. Fast zeitgleich mit dem Umzug ereilte mich meien nächte Verletzung. Vier Wochen lang lief ich mit mal stärkeren, mal schwächeren Knieschmerzen rum. Dann die Diagnose vom Arzt: Knorpelschaden, Arthrose, da hilft wohl nur eine OP und der Beginn der Saison ist gegessen. Tja, aber mein Knie wollte es anders. Kaum war das Wort OP ausgesprochen, schon verschwanden die Schmerzen udn die Probleme. Fischöl kann Wunder wirken, schmeckt nur nicht besonders gut und ruft einen Würgereflex hervor. So ging ich in die Saison…und wie! Schon zu Saisonbeginn konnte ich im Training inoffizielle Bahnrekorde in Lillehammer und Winterberg fahren. Offiziell folgte dann der Bahnrekord in Winterberg zum Weltcup. Mit dem dritten zweiten Platz im dritten Weltcuprennen und einem zwischenzeitlichen Bahnrekord in Innsbruck übernahm ich die Weltcupführung. Leider fiel das Rennen in Cesana aus – zweieinhalb Meter Neuschnee in nur drei Tagen, da ging nichts mehr! In Königssee stand ich so in gelb am Start, es war aber schnell für mich zu Ende. Ein stechender Schmerz beim Starten, keiner hörte mich schreien vor Schmerzen während der Fahrt, ich fuhr Bestzeit, doch im Ziel musste man mich vom Schlitten tragen. Muskelteilabriss! Auch wenn ich mich innerlich noch so aufgebäumt habe, ein zweiter Start war nicht möglich, ich konnte nicht mehr laufen. Nach einigen Untersuchungen in verschiedenen Krankenhäusern wurde die Diagnose gestellt udn ich bekam Krücken. Eine Woceh lang lief ich nun mit Gehhilfen, der Verband nahm mich mit nach St.Moritz zur besseren Betreuung. Statt meinem “Heimspiel” bekam ich drei Behandlungen pro Tag und nach ein paar Tagen durfte ich mit Aquajogging beginnen. Die völlige Ruhigstellung direkt nach der Verletzung war wohl das Beste, was die Ärzte und Physios mit mir machen konten. Keine vier Wocehn nach dem Unfall konnte ich beim vor-olympischen Weltcup in Whistler teilnehemn, mit der langsamsten Startzeit losjoggen und auf Platz sieben vorfahren. Weitere drei Wochen und viele Taperollen und Bandagen später standen die WM-Läufe in Lake Placid an. Ich war vorsichtig über die ersten Gehversuche zum Joggen und mittlerweile zu einem passablen schnellem Lauf übergegangen. Den ersten Lauf versemmelte ich wieder wie schon ein Jahr zuvor, doch wusste ich ja nun, dass das Rennen erst nach vier Läufen und wenn alle im Ziel sind zu Ende ist. Ich arbeitete mich nach vorne und auch am Start wurde ich jeden Lauf schneller. Nach der letzten Fahrerin war klar: erneut WM-Bronze für mich! Ein Riesenerfolg. Nicht nur die Medaille verteidigt, sondern mit einer schweren Verletzung und eisernem Willen zurück zu kommen, konnte ich wieder aufs Treppchen!